Verwandeln sich Bitcoin-Zahlungen in geschlossene Zahlungsnetzwerke?
Eine Analyse über Travel Rule, Lightning und die Zukunft offener Bitcoin-Zahlungen
Als Satoshi Nakamoto Bitcoin entwickelte, verfolgte er eine einfache Idee:
Jeder Mensch sollte jedem anderen Menschen direkt Geld senden können – ohne zentrale Intermediäre.
Dieses Prinzip gilt bis heute.
Mit einer selbstverwahrten Wallet kann jeder Bitcoin oder Lightning-Zahlungen direkt an eine andere Wallet senden.
Doch genau dieses offene Peer-to-Peer-Modell scheint zunehmend unter Druck zu geraten.
Während sich die Diskussion rund um die Travel Rule meist auf KYC, Geldwäsche und Regulierung konzentriert, zeichnet sich im Hintergrund eine Entwicklung ab, die wesentlich weitreichender sein könnte.
Die entscheidende Frage lautet:
Entwickeln sich Bitcoin-Zahlungen zu geschlossenen, account-basierten Zahlungsnetzwerken – ähnlich wie Visa oder Mastercard?
Das amerikanische Modell
Ein Blick in die USA zeigt bereits heute, wie Bitcoin-Zahlungen dort häufig umgesetzt werden.
Große amerikanische Anbieter wie
- BitPay
- Coinbase Commerce
- Crypto.com Pay
- Binance Pay
arbeiten überwiegend mit einem account-basierten Modell.
Der Händler besitzt ein Konto beim jeweiligen Zahlungsanbieter.
Der Zahler besitzt ebenfalls ein Konto beim gleichen Anbieter.
Möchte ein Kunde beispielsweise bei einem Händler bezahlen, der Coinbase Commerce verwendet, erfolgt die Zahlung in vielen Fällen über das Coinbase-Ökosystem. Der Nutzer ist bereits identifiziert und hat zuvor einen vollständigen KYC-Prozess durchlaufen.
Technisch wird zwar Bitcoin verwendet.
Funktional ähnelt der Ablauf jedoch zunehmend dem klassischen Kreditkartensystem:
KYC Zahler
│
Payment Provider
│
KYC Merchant
Der Zahlungsanbieter (Payment Provider) kennt beide Seiten der Transaktion.
Bitcoin dient dabei hauptsächlich als technische Infrastruktur.
Kommt diese Entwicklung jetzt nach Europa?
Auch in Europa beobachten wir erste Anzeichen einer ähnlichen Entwicklung.
Ein Beispiel ist Coinify.
Coinify beschreibt auf seiner eigenen Webseite, dass aufgrund der Travel Rule Kundendaten des Zahlers erhoben werden müssen.
Dazu gehören unter anderem:
- vollständiger Name
- E-Mail-Adresse
- Wohnanschrift
- Geburtsdatum
- Wallet-Typ
- Wallet-Adresse bzw. verwendete Börse
Diese Daten werden entweder direkt während des Bezahlvorgangs abgefragt oder – sofern der Händler sie bereits kennt – über eine API an Coinify übertragen. Coinify legt hierfür einen eigenen Customer-Datensatz an und kann wiederkehrende Kunden anhand einer Customer-ID erkennen.
Aus technischer Sicht ist das nachvollziehbar.
Aus Sicht des Bitcoin-Nutzers stellt sich jedoch eine interessante Frage.
Warum verfolgt Coinify diesen Ansatz?
Von außen lässt sich diese Frage nicht eindeutig beantworten.
Denkbar sind mehrere Erklärungen.
Möglichkeit 1: Account-basiertes Zahlungsmodell
Coinify verfolgt langfristig ein eigenes account-basiertes Zahlungsmodell.
Dieses Modell ist aus den USA bereits bekannt und bietet zahlreiche geschäftliche Vorteile.
Möglichkeit 2: Konservative Umsetzung
Coinify setzt die europäischen Vorgaben besonders konservativ um.
Die Travel Rule verpflichtet CASPs dazu, bestimmte Informationen über Absender und Empfänger von Kryptotransfers zu erheben und zwischen beteiligten CASPs auszutauschen. Die EBA hat hierzu Leitlinien veröffentlicht, die ein europaweit einheitliches Vorgehen fördern sollen.
Wie streng einzelne Unternehmen diese Vorgaben praktisch umsetzen, kann sich jedoch unterscheiden.
Möglichkeit 3: Over-Compliance
Coinify entscheidet sich bewusst für eine sogenannte Over-Compliance.
Viele regulierte Finanzunternehmen wählen einen konservativen Ansatz, um spätere Diskussionen mit Aufsichtsbehörden möglichst zu vermeiden.
Welche dieser Erklärungen im konkreten Fall zutrifft, lässt sich von außen nicht beurteilen.
Die zweite Entwicklung: Lightning
Parallel dazu beobachten wir eine zweite Entwicklung.
Mehrere europäische Bitcoin-Broker und Börsen haben mir in persönlichen Gesprächen berichtet, dass sie Lightning technisch bereits integriert haben oder eine Integration vorbereitet haben.
Trotzdem wird Lightning bislang teilweise nicht angeboten.
Nicht wegen technischer Probleme.
Sondern wegen regulatorischer Unsicherheit.
Diese Aussagen stammen von Unternehmen aus mehreren EU-Mitgliedstaaten und sind unabhängig voneinander erfolgt.
Eine offizielle Stellungnahme der jeweiligen Aufsichtsbehörden hierzu ist mir allerdings nicht bekannt.
Warum ausgerechnet Lightning?
On-Chain-Transaktionen sind dauerhaft auf der Blockchain sichtbar.
Blockchain-Analyseunternehmen können daraus umfangreiche Informationen ableiten.
Lightning funktioniert dagegen anders.
Zahlungen werden über Zahlungskanäle geroutet und erscheinen nicht vollständig auf der Blockchain.
Dadurch bietet Lightning seinen Nutzern ein deutlich höheres Maß an Privatsphäre.
Genau diese zusätzliche Privatsphäre scheint bei einigen Compliance-Abteilungen und möglicherweise auch bei einzelnen Aufsichtsbehörden Fragen aufzuwerfen.
Ob dies tatsächlich der Grund für die regulatorische Zurückhaltung ist, lässt sich von außen nicht abschließend beurteilen.
Auffällig ist jedoch, dass mehrere europäische Marktteilnehmer unabhängig voneinander von ähnlichen regulatorischen Unsicherheiten berichten.
Für regulierte Unternehmen entsteht dadurch ein Dilemma.
Lightning ist technisch hervorragend geeignet für den stationären Handel:
- Zahlungen innerhalb weniger Sekunden
- minimale Gebühren
- hervorragende Skalierbarkeit
- hohe Privatsphäre
Gleichzeitig besteht offenbar die Sorge, dass die aufsichtsrechtlichen Erwartungen noch nicht eindeutig geklärt sind.
Viele Unternehmen entscheiden sich deshalb verständlicherweise für den konservativen Weg:
Lieber zunächst auf Lightning verzichten, als die eigene MiCA-Lizenz oder deren Erteilung zu gefährden.
Der Point of Sale wird zur Nagelprobe
Besonders deutlich wird die Problematik im stationären Handel.
Ein Online-Shop kennt seinen Kunden ohnehin.
Name.
Lieferadresse.
E-Mail-Adresse.
Diese Daten werden für den Versand benötigt.
Ganz anders sieht es im Café aus.
Ein Gast bestellt einen Cappuccino.
Sollte er künftig zunächst
- seinen Namen,
- seine Anschrift,
- sein Geburtsdatum
angeben müssen, bevor er mit Bitcoin bezahlen darf?
Ein solcher Ablauf wäre weder praxistauglich noch mit der Erwartung an eine moderne Bezahlmethode vereinbar.
Gerade Lightning wurde entwickelt, um genau solche Kleinbetragszahlungen einfach und schnell zu ermöglichen.
Entsteht ein Wettbewerbsnachteil innerhalb Europas?
Die europäische Travel Rule gilt unmittelbar in allen Mitgliedstaaten. Ziel der Verordnung ist gerade eine einheitliche Anwendung innerhalb der Europäischen Union.
Sollten jedoch einzelne nationale Aufsichtsbehörden oder einzelne Unternehmen die Vorgaben deutlich restriktiver auslegen als andere, könnte dies zu Wettbewerbsunterschieden führen.
Unternehmen in diesen Ländern müssten möglicherweise umfangreichere Compliance-Prozesse umsetzen.
Andere europäische Anbieter könnten dagegen einfachere Zahlungsprozesse anbieten.
Ob sich eine solche Entwicklung tatsächlich abzeichnet, bleibt zu beobachten.
Was bedeutet das für Bitcoin?
Eigentlich geht es in dieser Diskussion nicht nur um KYC.
Nicht um Coinify.
Nicht um Lightning.
Sondern um eine grundsätzliche Frage.
Soll Bitcoin auch künftig ein offenes Peer-to-Peer-Zahlungssystem bleiben?
Oder entwickelt sich der Markt schrittweise zu geschlossenen Zahlungsnetzwerken, in denen sowohl Händler als auch Zahler Kunden desselben Zahlungsdienstleisters werden?
Die Antwort auf diese Frage wird nicht allein von der Regulierung abhängen.
Sie wird auch davon abhängen, welche Architektur Zahlungsanbieter künftig wählen.
Setzen sie auf offene Self-Custody-Lösungen?
Oder auf geschlossene, account-basierte Systeme?
Fazit
Europa steht an einem Scheideweg.
Die Travel Rule verfolgt ein legitimes Ziel: Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung zu bekämpfen.
Gleichzeitig sollte jedoch darauf geachtet werden, dass dabei nicht unbeabsichtigt genau die Eigenschaften verloren gehen, die Bitcoin als Zahlungsmittel attraktiv machen:
- offene Peer-to-Peer-Zahlungen,
- Selbstverwahrung,
- Interoperabilität zwischen Wallets,
- Datenschutz,
- und die Freiheit, mit jeder Wallet bei jedem Händler bezahlen zu können.
Die kommenden Jahre werden zeigen, ob Europa diese Balance findet – oder ob sich auch hier zunehmend geschlossene, account-basierte Bitcoin-Zahlungsnetzwerke etablieren.


